
Aachen. Große Augen machen viele Kinder, wenn sie im Supermarkt an den Regalen mit den Süßigkeiten vorbeikommen. Den Eltern kann es ab sofort ganz ähnlich gehen, werden sie doch auf einigen Verpackungen den Hinweis "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen" entdecken. Diese Warnung findet sich entweder bei den angegebenen Inhaltsstoffen eines Produktes oder muss als Aufkleber auf der Packung angebracht sein. Secks künstliche Farbstoffe (fünf sogenannte Azo-Farbstoffe und Chinolingelb), von denen vermutet wird, dass sie die Aufmerksamkeisdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern hervorrufen, fallen unter diese Verordnung. Mit dem Beschluss setzt das Parlament der Europäischen Union den vorbeugenden Verbraucherschutz durch.
Welche Lebensmittel enthalten überwiegend diese synthetischen Farbstoffe?
Insbesondere Süßwaren, Erfrischungsgetränke, Speiseeis und feine Backwaren werden mit diesen synthetischen Farbstoffen gefärbt.
Worauf basiert die Entscheidung der EU?
Die sogenannte Southampton-Studie, die von der Food Standart Agency im Jahr 2007 in Auftrag gegeben wurde, ist die Grundlage dieses Gesetzes, obwohl das Ergebnis nach wie vor umstritten ist. Nichtsdestotrotz hat das EU-Parlament reagiert. Die Studie sollte eigentlich beweisen, dass die Farbstoffe keinerlei Auswirkungen auf das kindliche Verhalten haben. In alltäglichen Mengen wurde Kindern in einer Doppelblindstudie ein Cocktail mit einer Mixtur dieser synthetischen Farbstoffe plus Konservierungsstoff verabreicht. Das Ergebnis war: "Eltern und Lehrer stuften die Kinder als wesentlich zappeliger und unaufmerksamer ein - eben Symptome, die auf ADHS hindeuten", erläutert Bettina Blau, Geschäftsführerin von der GNT Europe GmbH.
Was sind überhaupt synthetische Farbstoffe? Welche Farbstoffe gibt es? Wie können Lebensmittel ansonsten gefärbt werden?
"Ursprünglich kommen synthetische Farbstoffe aus dem Bereich der Textilfärbung", erklärt die GNT Geschäftsführerin. Sie haben vor vielen Jahren Einzug in die Lebensmittelindustrie gehalten, um die Farbe von industriell hergestellten Produkten zu verbessern und zu stabilisieren. Wie alle Zusatzstoffe, die in Lebensmitteln eingesetzt werden, bedürfen auch künstliche Farbstoffe einer staatlichen Zulassung, "aber es ist und bleibt Chemie". Dann gibt es die sogenannten "natürlichen Farbstoffe", deren Pigmente zwar aus der Natur stammen, aber dennoch chemisch verändert werden. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Chochenille-Laus. Die Weibchen tragen ein organefarbenes Pigment (Karminsäure) in sich, das erst nach Zugabe von Aluminiumsalzen den gewünschten Rot-Ton erhält. Wirklich aus der Natur kommen lediglich die "färbenden Lebensmittel", die ganz ohne chemische Zusätze auskommen. Sie werden aus Früchten, Gemüse und essbaren Pflanzen gewonnen.
Werden bei den färbenden Lebensmitteln nicht auch Chemikalien beigemengt?
Nein, beim Herstellungsprozess der Firma GNT wird nur Wasser, Zucker und Zitronensäure oder Zitronensaft verwendet.. "Bei der Produktion gebrauchen wir physikalische Herstellungsmethoden wie Zerkleinern, Pürieren, Filtrieren und Eindampfen", betont Blau. Ganz wichtig sei: "Das Resultat ist eben kein Farbstoff, sondern ein farbiges Lebensmittel, das man auch mit dem Löffel pur zu sich nehmen kann."
Mittlerweile gäbe es für jeden synthetischen Farbstoff eine gänzlich natürliche Alternative, das heißt ein färbendes Lebensmittel. Blaue und grüne Getränke stellen momentan noch eine große Herausforderung dar und lißen sich derzeit nicht mit den färbenden Lebensmitteln herstellen.
Woran erkennt man, dass wirklich nur diese rein natürlichen Produkte verwendet werden?
Unter der Liste der Zutaten steht zum Beispiel aufgelistet: Frucht- und Pflanzenkonzentrate (Apfel, Spinat, Karotten, Hibiskus, Kirsche, Holunderbeere, schwarze Johannisbeere...). Wenn synthetische Farbstoffe enthalten sind, müssen diese auch als Farbstoffe aufgeführt sein. Die sechs kritischen Farbstoffe heißen: E 102 (Tartrazin), E 104 (Chinolingelb), E 110 (Gelborange S), E 122 (Azorubin), E 124 (Conchenillerot A) sowie E 129 (Allurarot), die entweder als "Farbstoff: E 102" oder als "Farbstoff: Tartrazin" deklariert werde müssen. Schwierig wird es bei Lebensmitteln ohne Verpackung, die beim Bäcker, an der Käsetheke oder am Obststand angeboten werden. Für diese Fälle gibt es keine einheitlichen Regeln. Wenn Farbstoffe enthalten ist, muss der Hinweis "Mit Farbstoff" angegeben sein, jedoch nicht die genaue Klassifizierung.
Gibt es Produkte, die von dieser Regelung ausgenommen sind?
Ja, das sind Produkte, die ausschließlich von Erwachsenen verzehrt werden, wie hochprozentige Spirituosen. Doch Bettina Blau merkt an: "Es gibt keine einzige Untersuchung darüber, ob und wenn ja, welche Auswirkungen diese synthetischen Farbstoffe auf Erwachsene haben.
Welche Hersteller produzieren schon mit färbenden Lebensmitteln?
"In der deutschen Süßwarenindustrie sind es vielleicht die Hälfte für einen geringen Anteil ihrer Produkte", schätzt die Geschäftsführerein von GNT. Die meisten großen Hersteller hätten zum Teil schon auf die natürlicheren Produkte umgestellt, aber längst noch nicht alle. Dabei seien die Kosten für die färbenden Lebenismittel geringer als die für die Verpackung, meint Bettina Blau.
Gibt es auch Lebensmittel, die überhaupt keine Farbstoffe (Zusatzstoffe) enthalten dürfen?
Ja, das sind beispielsweise Brot, Bier, Säuglings- und Kleinkindernahrung und andere unbehandelte Lebensmittel wie Zucker, Honig, Tomatenmark. Die genau Liste lässt sich im Internet herunterladen (www.ec.europa.eu)
Was ist mit Bio-Produkten?
Die Europäische Öko-Verordnung schränkt die Verwendung von Lebensmittelzusatzstoffen für Bio-Lebensmittel deutlich ein. So sind künstliche Farbstoffe vollständig verboten.
Quelle: Aachener Zeitung (21.07.2010)